Deutsch,  Stories

Claire – Über die schwierigen Momente im Leben einer französischen Milchbäuerin

En Francais // In English

Hier kommt das erste Interview des WAF-Projekts! Nachstehend findet ihr einen kurzen Artikel, der das Interview zusammenfasst, den Podcast (auf Französisch) und die vollständige Abschrift des Interviews. Viel Spaß damit!

Powered by RedCircle


Artikel zum Interview mit Claire

Claire ist eine 45-jährige Bäuerin, Miteigentümerin eines Milchhofs und Mutter von drei Jungen. Alle Eigentümer des Hofes, ihr Ehemann und Schwager, der Buchhalter und der eine Angestellte sind Familienmitglieder. An einem Punkt fühlte Claire sich erstickt, durch die dauernde Präsenz von Familienmitgliedern um sie herum. Sie hätte sich gewünscht, Geschäft und Familie zu trennen. Aber an Weihnachten vor ein paar Jahren, als der Milchpreis so niedrig war, dass sie kein Geld mehr hatten, stand ihnen die Familie bei Seite und ermöglichte es der Claire, den Betrieb nicht aufzugeben. Als sie mit ihrem Bankier sprach, sagte sie:

“Ich bin 45 Jahre alt. Ich möchte von meiner Arbeit leben können. Ich will nicht immer sagen müssen, dass ich es nicht schaffe”. Nun, er sagte: “Das ist lustig, Ihr Mann hat das Gleiche gesagt”. Aber das ist… Sie arbeiten zehn, zwölf Stunden am Tag, und dann schaffen Sie es immer noch nicht, zu bezahlen – das ist nicht normal.

Es kam ein neues Gesetz, das die Milchkäufer zwang, im Voraus zu deklarieren, für wie viel sie die Milch kaufen würden – im Gegensatz zu früher, als die Bauern produzierten und später erfuhren, für wie viel sie die Milch verkaufen würden.

Aber wir sind so gefesselt, Hände und Füße sind gefesselt, dass man nicht sagen kann: “Na gut, heute werde ich meine Milch für diese Genossenschaft produzieren und morgen gehe ich woanders hin”. Wir haben einen Vertrag, Punkt. (…) Und außerdem verkaufen wir eh ohne nach dem Preis zu fragen.

Es scheint, dass das Gesetz nicht viel an der festgefahrenen Situation der Milchbauern und Bäuerinnen in Frankreich geändert hat. Viele kämpfen ums Überleben. Und pro Tag setzt ein französischer Landwirt seinem Leben ein Ende. Claire hat viel über Selbstmord gesprochen und dass sie mindestens einmal im Monat von einem Selbstmord in der Nähe hört. Sie empfiehlt den Film “Au nom de la Terre” (Im Namen der Erde) und das Buch “Tu m’as laissée en vie” (Du hast mich am Leben gelassen), die sich beide mit dem Thema Selbstmord unter französischen Bauern befassen. Wenn es um ihre Jungs geht, macht ihr das Angst. Durch eine gute Bildung möchte sie ihnen die Möglichkeit geben, den Bauernhof zu verlassen, wenn sie es wollen. Ihr jüngster Sohn ist der landwirtschaftlichste… aber werden die Selbstmordraten in naher Zukunft sinken? Sie erwartet, dass mehr Gesetze, Normen und Vorschriften den Hof betreffen werden – sei es von der Europäischen Union oder von der französischen Regierung. Und wie sie selber sagt

Es gibt viele Großbauern, die Abgeordnete des Europäischen Parlaments sind, aber sie sind Getreidebauern. Sie hatten also Zeit hinzugehen, also verteidigten sie ihre Betriebe. Und ich glaube, dass wir in der Viehwirtschaft ein wenig vergessen wurden.

Sie mussten in der Vergangenheit schon Bußgelder für ihren Hof bezahlen, da sie es sich zum teil nicht leisten konnten die aktuellen Standards zu erfüllen. Als sie die Abmahnung erhielten:

Mein Mann ging zur Polizei. Die haben gelacht. Aber für uns ist das Bild so, als hätten wir jemanden ausgeraubt oder geschlagen.

Claire beschrieb ein Paradox. Einerseits erzählen ihr alle, wie schön die Welt der Landwirtschaft ist und romantisiert sie. Und auf der anderen Seite werden sie und ihr Hof dafür kritisiert, dass sie die Umweltverschmutzer sind. Man verlangt von ihnen, auf Familienbetrieben zu bleiben und biologisch zu wirtschaften und keine großen industrialisierten Betriebe zu gründen. Und dann wiederum scheint niemand bereit zu sein, dafür zu bezahlen. Claire hatte darüber nachgedacht, ihren Hof auf bio Anbau umzustellen, entschied aber, dass dies für ihren Betrieb nicht machbar sei.

Irgendwann wollte Claire die Arbeit auf dem Bauernhof aufgeben und einen Job “draußen” finden. Aber sie ist Teil eines Landwirtschaftskollektivs und darf rechtlich nicht über eine bestimmte Anzahl von Stunden außerhalb des Hofes arbeiten. Also blieb sie. Aufgrund der politischen Position ihres Mannes kam sie mehr in Kontakt mit der “Außenwelt” und stellte fest, dass auch dort nicht alles rosig ist. Vor allem wenn Politiker mehrere Tage nach Paris fahren und ihre Ehefrauen alleine zurücklassen.

Claire glaubt, dass die Bäuerinnen in Zukunft mehr Mitspracherecht haben werden, dass man ihnen mehr Raum gibt und sie ernster nimmt. Dennoch sieht sie Kinder zu bekommen als eine Verantwortung, die von den Frauen getragen wird. Deshalb glaubt sie, dass eher ältere Frauen Projekte auf den Bauernhöfen leiten werden, denn als Mütter von Kleinkindern hätten sie keine Zeit dafür.

Ich denke, wir geben alle unsere Karrieren auf, um Kinder aufzuziehen.

Um die Farm zu diversifizieren und ihr “eigenes Projekt” zu haben, möchte Claire auf ihrer Farm eine Milchverarbeitungswerkstatt bauen, um Joghurt herzustellen und ihn durch Direktverkauf in der Gegend zu vertreiben. In ihren Augen werden Transformation und Innovation auf Bauernhöfen oft von Frauen geleitet oder initiiert. Ihr Ehemann und ihr Schwager standen ihrer Idee zunächst eher zurückhaltend gegenüber. Sie musste ihnen durch ein von der Regierung finanziertes Projekt, das zum Kartoffelanbau anregt, beweisen, dass eine Diversifizierung der Produktion funktioniert und für den Betrieb vorteilhaft ist. Bevor sie mit dem Bau der Werkstatt begann musste sie einen Weiterbildungskurs besuchen. Sie sprach auch über einen weiteren Kurs, der sich explizit an Bäuerinnen richtet. Claire erklärte, wie viele Frauen von sich selbst als “Frau des Bauers” und nicht als Bäuerin sprechen. Sie selbst stellte fest, dass sie sich neben ihrem Ehemann, der vor kurzem in der Politik tätig wurde und Bekanntschaft erlangte klein machte. In dem von der Kommission der Bäuerinnen organisierten Training werden diese Frauen lernen, über sich selbst als Unternehmerinnen, als Bäuerinnen zu sprechen und nicht als „die Frau von“ sondern als „Ich bin“.


Die komplette Abschrift

(Übersetzt aus dem Französischen)

Naomi: Vielen Dank, dass Ich hier sein darf und meine Fragen stellen kann. Ihr Betrieb ist also ein Familienbetrieb?

Claire: Ja, wir sind in einer GAEC. Es heißt ” Groupement Agricole d’Exploitation en Commun” (Deutsch: gemeinsame Agrargemeinschaft), wir sind also drei Betriebsinhaber. Das sind mein Ehemann, mein Schwager und ich selbst. Ich gebe das Alter an: mein Mann ist 49, ich bin 45 und mein Schwager ist 43. Wir sind also alle gleich alt. Zuerst war es mein Mann, der hierher gezogen ist. Es ist kein Bauernhof, den wir von unseren Eltern geerbt haben. Er ist von Dritten. Mein Mann fing woanders an und mein Schwager und ich übernahmen hier. Mein Mann und ich haben das Haus hier vor etwa 20 Jahren gekauft. Wir haben 250 Hektar zu dritt, wir haben 110 Milchkühe und wir mästen einige, d.h. wir mästen die männlichen Kälber und kaufen einige nebenbei ein. Und wir haben eine kleine Mutterkuhfarm mit etwa 450 Zitzen. Außerdem haben wir einen Mitarbeiter der uns hilft. 

Naomi: Seit Anfang an?

Claire: Wir haben ihn vor einem Jahr eingestellt, er ist der Schwiegersohn meines Schwagers. Es bleibt immer in der Familie. So ist es immer. Im Moment hat alles einen Familienbezug. Das kann Vorzüge haben und es kann Nachteile haben. Jetzt als Frau gesprochen, fühlte ich mich manchmal erstickt durch den Druck, ständig jemanden um mich herum zu haben. Ich hätte gerne Betrieb und Familienleben voneinander getrennt. Es gab da einen Moment. Es kann erstickend sein… zu viel Familie. Der Buchhalter ist mein Schwager. Es ist alles geschlossen.

Naomi: Haben Sie Kinder?

Claire: Ich habe drei Jungen.

Naomi: Arbeiten sie mit Ihnen zusammen?

Claire: Die ersten beiden nicht. Das gefällt ihnen nicht. Nur dem letzten, der ist zwölf Jahre alt. Der erste ist 19 Jahre alt und ist in der Sprachhochschule. Der zweite ist 15 Jahre alt und in der zehnten Klasse. Im Moment sie überhaupt nicht für die landwirtschaftliche Welt bestimmt. Im Gegenteil, wir sagen ihnen, sie sollen tun, was sie wollen. Wir wollen sie nicht daran hindern, woanders hinzugehen. Der Jüngste, der sehr landwirtschaftlich ist… Ich ging eines Tages zu seiner Klassenlehrerin, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist, und er sagte mir, er wolle für ein Praktikum nach Deutschland gehen. Das Bild der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland ist das eines Großbetriebes, bei dem die biologische Vielfalt nicht beachtet wird. Nun, das wiederum…

Naomi: Für Sie ist die biologische Vielfalt wichtig?

Claire: Ja, nun, wir sind konventionell, wir sind nicht biologisch. Wir verwenden Pflanzenbehandlungsmittel. Wir befinden uns hier in einem Bereich, in dem es sehr viele Regulierungen gibt. Wir haben viele Gräben, also haben wir kleine Parzellen; auf 250 Hektar können 250 Parzellen haben. Die größte Fläche, die wir anbauen beträgt um die 2 Hektar. Es sind nicht die großen Inseln. Wir haben viele kleine offene Gräben. Hier können wir also keine großen Kulturen anbauen, weil wir so viele Aufgaben dazu noch haben. Wir sind vorsichtig, wir müssen ohnehin vorsichtig sein.

Naomi: Waren Ihre Eltern Landwirte?

Claire: Wir sind alle Söhne und Töchter von Landwirten. Wir drei haben das Landwirtschaftsabitur und das BTS (deutsch: Fachhochschulabluss nach 2 Jahren) abgelegt haben. Bildung ist auch wichtig bei allem was wir tun. Bei meinem Schwager wurden seine drei Jungen gezwungen einen BTS zu machen. Studien sind wichtig. Wir sagen ihnen, dass man eine Logik haben muss. Früher haben wir immer gesagt: “Wenn du nicht lesen und schreiben kannst, kannst du zu den Ärschen der Kühe gehen”. Heute trifft das nicht mehr zu. Wir haben gerade einen Weizensämaschine gekauft, es ist GPS. Man muss sowieso eine Logik haben. Man kann nie wissen. Vor ca. vier, fünf Jahren hätten wir fast… Es war ein sehr hartes Jahr, weil die Milch keinen Preis mehr hatte. Wir sagten, dass wir uns eines Tages vielleicht draußen nach einer Arbeitsstelle umsehen müssen.

Naomi: Haben Sie darüber nachgedacht?

Claire: Ich ja. Das habe ich.

Naomi: Und warum haben Sie sich entschieden, zu bleiben?

Claire: Weil es nicht einfach ist, denn Ich bin Geschäftsinhaberin und in der GAEC kann man nicht auf Arbeitssuche gehen. Wir sind verpflichtet, auf dem Bauernhof zu arbeiten, und rechtlich gesehen dürfen wir nur so viele Stunden pro Jahr außerhalb arbeiten. Man kann nicht Vollzeit außerhalb arbeiten, aber ja ich habe darüber nachgedacht. Als es Weihnachtszeit war. Kein Gehalt. Wir sind zu zweit auf der Farm, und wir haben keinen Lohn bekommen. Und dabei heben wir nur 800 Euro im Monat ab. Es ist schwer gewesen. Nun, da sind die Schwiegereltern, da ist meine Mutter. Als wir festsaßen, kamen sie, um uns zu helfen. Sie sind ein Anker.

Naomi: Gehört Ihnen das Land hier?

Claire: Nein, von den 250 Hektar, etwa 30 Hektar. Aber je weiter wir gehen, desto mehr Menschen wollen es verkaufen. Wir versuchen, zu kaufen. Wenn Sie einen Preis hören wollen: wir liegen bei 3000 Euro pro Hektar, es ist also nicht teuer. Das ist der Konfiguration zu verdanken, denn da wir kleine Parzellen haben, ist der Preis nie zu stark angewachsen. Wenn wir in die nächste Stadt gehen, kann es bis zu 15000 euro kosten.

Naomi: Was ist mit dem Land Ihrer Eltern?

Claire: Mein Bruder ist auf der Farm. Ich habe nicht übernommen und es war sowieso nicht das Ziel, es waren nur 50 Hektar. Ich ließ ihn sich auf der Farm niederlassen.

Naomi: Oh ja, 50 Hektar! Hier habt ihr viel mehr.

Claire: Bei ihm ist es auch mehr, da er auch in einer GAEC ist. Jedenfalls versuchen alle, ihre Kräfte zu bündeln, auch wenn es nicht leicht ist. Es ist für… Nun, bisher haben wir es noch nie getan, aber mein Bruder schon – sie haben jeden zweiten Sonntag jemanden, der die Kühe melkt. Das haben wir noch nicht… aber vielleicht diesen Winter. Das würde ich gerne, denn irgendwann… Ich mag meine Kühe, ich melke sie gerne, aber Sonntagabend ist am schlimmsten.

Naomi: Das ist zweimal am Tag, richtig?

Claire: Ja. Aber es bleibt eine Arbeit aus Leidenschaft. Auch wenn es schwierig ist. In den Jahren ohne Bezahlung bin ich immer aufgestanden, um meine Kühe zu melken. Solange wir das tun, ist es immer noch in Ordnung, die Maschine läuft noch. Auch wenn moralisch… Aber es gibt eine Verpflichtung zu arbeiten, unsere Tiere zu füttern und für sie zu sorgen. Deshalb ist das Haus nicht immer… Das ist nicht der letzte Schrei, aber die Hauptsache ist, dass der Hof läuft. Dann bleibt das… Für mich ist das im Moment so.

Naomi: Und die Ankunft Ihrer Kinder…

Claire: Es macht mir Angst. Es ist ein Job, bei dem ich mir manchmal sage, sie sollten woanders sehen… Ich sage nicht, dass die Arbeit anderer Leute einfacher ist, das stimmt nicht. Aber es ist immer noch beängstigend. Letztes Jahr gab es in Frankreich einen Film, der “Im Namen der Erde” herauskam, in dem viel Selbstmord die Rede war. Ich sehe noch meinen kleinsten Sohn, der Film hat einen starken Eindruck bei ihm hinterlassen, denn obendrein hatten wir jemanden, den wir sehr gut kannten, der im Alter von 30 Jahren Selbstmord beging, der seine Frau im Alter von 24 Jahren als Witwe hinterließ. Das hat uns geprägt. Wir haben Selbstmordprobleme. Wir hören einmal im Monat von jemandem… Das ist eine Belastung.

Naomi: Und was könnte es Ihrer Meinung nach für die Bauerinnen einfacher machen? Was fehlt, um die Arbeit zu erleichtern?

Claire: Was passiert, ist, dass wir nie genug bezahlt werden. Wir sind das erste Glied in der Kette. Wenn wir unsere Milch verkaufen, wissen wir nie, zu welchem Preis wir sie verkaufen. Vor einigen Jahren war es so, dass ich einen Monat lang meine Milch produzierte und wir am 15ten des nächsten Monats bezahlt wurden. Wir wussten nicht, zu welchem Preis. Wenn der Preis also gestürzt ist, wussten Sie nicht, ob es gestürzt ist. Man kann nie wissen. Jetzt, mit dem neuen Gesetz, müssen sie uns den Preis zu nennen, bevor wir produzieren. Aber wir sind so gefesselt, Hände und Füße, dass man nicht sagen kann: “Nun, heute werde ich meine Milch für diese Genossenschaft produzieren und morgen gehe ich woanders hin”. Wir haben einen Vertrag, Punkt. Wir haben immer das Gefühl, dass wir das letzte Glied in der Kette sind. Wir verkaufen sowieso ohne nach dem Preis zu fragen. Seit einigen Jahren ist der Milchpreis gut, weil es immer weniger Züchter gibt. Irgendwann werden wir nicht mehr genug Milch haben. Für mich ist es das. Nun, so weit, so gut.

—- Unterbrechung der Aufnahme durch Versagen des Aufnahmegeräts —-

Claire: Um landwirtschaftliche Produkte zu vertreiben, muss die Produktionsstätte auf dem Hof sein.

Naomi: Was ist mit Direktverkäufen?

Claire: Wir werden es hier in der Umgebung versuchen. Nun, ich habe Freunde, die vor vier, fünf Jahren angefangen haben, sie sind mit Arbeit überhäuft. Das ist es, was auch beängstigend ist. Es ist eine Menge Arbeit.

Naomi: Finden Ihr Mann und Ihr Schwager die Idee auch gut?

Claire: Ja. Ich stamme aus einer Familie, in der meine Mutter viel Geflügel auf dem Bauernhof verkauft hat. Und mein Ehemann und mein Schwager nicht. Als ich anfing, über dieses Projekt zu sprechen, wurde ich ausgelacht, und vor vier oder fünf Jahren begannen wir mit der Herstellung von Primärkartoffeln, weil es ein Projekt der Landwirtschaftskammer war. Als sie sahen, was wir auf 60 Ar produzierten und wir in der Lage waren anständig zu leben, begannen sie sich zu ändern. Besonders mein Mann. Mein Schwager ist viel mehr… er sagt: “Solange du mich nicht mit deinen Kunden belästigst, ist mir das egal”. Aber bei ihm hat es schon länger gedauert als bei meinem Mann. Mein Mann war zuversichtlicher mit Kartoffeln und so weiter. Wir haben viele Supermärkte und Restaurants abgeklappert, so dass er sah, dass es eine Nachfrage gab. Mein Schwager, er ist mehr zentriert. Er wird produzieren, er wird gehen, er wird es uns tun lassen.

Naomi: Und die ganze Innovation kommt von Ihnen…

Claire: Ja, und dann der Milchverarbeitungsworkshop, den sie mich machen ließen, weil ich irgendwann etwas brauchte. Dass man mir sagt: “Nun, hier, das gehört dir”. Wir werden bald sehen, ob die Bank uns erlaubt…

Naomi: Und Sie glauben, dass es mit dem Anstieg des Milchpreises in den letzten Jahren funktionieren wird?

Claire: Es gibt eine Nachfrage – eine phänomenale Nachfrage. Jährlich gibt es hier in der Umgebung eine Million Besucher. Auch das ist nicht zu vernachlässigen.

Naomi: Und Sie sagten, dass Sie für die Weiterverarbeitung einen Kurs besucht haben?

Claire: Ja, um dich Milch zu verarbeiten. Wir müssen uns für die Verarbeitung unserer Milch ausgebildet werden.

Naomi: Gibt es Kurse und Seminare, die speziell auf Frauen ausgerichtet sind, damit mehr Frauen in die Landwirtschaft gehen?

Claire: Die Gewerkschaft hat eine Frauensektion. Es wird bald eine Schulung geben in der wir lernen uns vorzustellen – über uns zu sprechen. Kein Herr oder… Wo wir es schaffen uns vorzustellen. Das ist wie bei mir, mir wird immer gesagt: “Sag niemals, du bist die Frau von…”. sag, „ich bin.” Es stimmt, dass es schwer ist, vor allem, da mein Mann in der Politik tätig ist, deshalb mache ich mich neben ihm immer kleiner. Also für all so was gibt einige Trainingskurse.

Naomi: Im Allgemeinen haben Sie den Eindruck, dass die Ideen, wie z.B. für Verarbeitungsworkshops, eher von den Frauen oder den Männern stammen?

Claire: Frauen. Das liegt in der Kultur. Es sind viele Frauen, die aufgehört haben zu arbeiten, und dann wollen sie wieder in die Arbeit zurückkehren, um einen Wert zu haben. Wir hatten aber auch ein paar Männer. Es kamen ein paar junge Leute her.

Frauen sind in der Viehzucht sehr stark vertreten. Es gibt viele Frauen, die Ziegen züchten. Wir werden viele Frauen um die Viehzucht herum haben. Das ist der Eindruck den ich bekomme. Auf jeden Fall rekrutieren sie in all diesen BTS zur Tierproduktion viele Mädchen. Letztendlich gibt es viele Bereiche, in denen Frauen… wie soll ich es ausdrücken? Wir schreiben das Kochen immer noch den Frauen zu, während die Sterneköche viele Männer sind. Es ist dasselbe, eine Frau auf diesem Gebiet… Wenn es Kinder gibt, wenn es all das gibt… Ich frage mich immer bei Ministerinnen. Wie erziehen sie ihre Kinder? Wir stehen in engem Kontakt mit Abgeordneten. Als sie für vier Tage nach Paris aufbrachen, dachte ich: “Wie erziehen Sie Ihre Kinder?”… Das ist auch etwas, was ins Spiel kommt. Ich glaube, wir geben unsere Karrieren auf, um die Kinder großzuziehen.

Naomi: Hat sich Ihre Arbeit auf dem Bauernhof verändert, als Sie anfingen, Kinder zu bekommen?

Claire: Ja, nun, als ich mich niedergelassen habe, hatte ich bereits den ersten. Danach alle drei. Mit den Kindern in den ersten Jahren hätte ich niemals meine Verarbeitungswerkstatt gemacht. Wir wären nicht in der Lage gewesen… Ich sehe meine Freundin vor mir, die im September 2016 damit begann und die ich im März 2017 wiedersah, das Projekt wurde so groß, es ging so schnell, dass sie sich von der Joghurtproduktion überholen ließen. Sie sagte zu mir – sie stand unter Tränen – “kannst du dir vorstellen, dass ich vergessen habe, dass mein Kind am Tag zuvor nach England abreiste. Ich habe nicht einmal einen Snack gekauft, nichts.”. Er musste für sich selbst sorgen, und man merkte, wie traurig sie darüber war. Und dann hat sie ein vierjähriges Mädchen. Sie sagte: “Ich habe nicht einmal mehr Zeit, mich um sie zu kümmern”. Und es ist wahr, dass wir diese zusätzliche Arbeitszeit nicht mit einberechnen können.

Naomi: Kinder sind eine Menge Arbeit..,

Claire: Ja, und die Arbeit auf dem Bauernhof! Manchmal sagen mir meine Kinder: “Ihr fangt an uns zu nerven. Es ist immer der Bauernhof. Wir fahren nie in den Urlaub”. Also erklären wir ihnen, dass wir es vorziehen, zu Hause zu bleiben und dann etwas auf dem Teller zu haben. Nun, jetzt sind sie erwachsen geworden, aber als sie klein waren, sagte man uns plötzlich: “Ja, wir fahren nie in Urlaub”. Nun werden sie erwachsen. Sie verstehen.

Naomi: Gab es andere wichtige Ereignisse, die Ihre Arbeit auf dem Hof verändert haben?

Claire: Nein. Naja, nachdem mein Mann in die Politik gegangen war haben wir uns reorganisiert. Auch wenn wir nicht in den Urlaub fahren, gehen wir mehr in Restaurants, wir bewegen uns ein bisschen mehr. Wir sind offener gegenüber der Außenwelt. Uns wurde dadurch klar, dass es dort auch nicht alles rosig ist. Es gibt sowohl Vor- als auch Nachteile. Wie wir vorhin sagten, mag es von Außen gut aussehen wenn ein Politiker drei oder vier Tage in Paris war, aber ich weiß, dass seine Frau viel gelitten hat. Außerdem ging er in diesem Jahr weg und ihre beiden Jungen gingen zur Hochschule. Sie war ganz allein. Manchmal denke ich: “Verdammt, was machst du, wenn niemand mehr zu Hause ist?”. Dann öffnet man sich, versucht, sich ein wenig zu bewegen. Das ist wichtig. (Tür geht auf) Mein Mann.

Ehemann: Hallo!

Naomi: Hallo, wir haben uns schon mit dem Autos begegnet.

Über Gesetzesänderungen… Beeinflusst die europäische Agrarpolitik Ihren Betrieb sehr stark?

Claire: Es ist hauptsächlich die Höhe der GAP-Prämie.

Ehemann: Die GAP-Prämie mit leider allen Bedingungen, die damit einhergehen.

Claire: Wir haben die europäischen Standards und wir haben die französischen Standards. Es kommt immer ein wenig mehr hinzu. Nun, es ist Glyphosat. Es ist… Einmal wurde ich bezüglich des Tierschutzes geprüft. Ich habe kleine Zwinger, das ist wie kleine Iglus, in die wir die Kälber hineinsetzen. Die Inspektorin kommt also zu meinem Zwinger … und ich sage: “Oh, ich bekomme eine Strafe, weil ich einen kleinen Hof vor diesem Zwinger haben muss, aber wegen der Preise habe ich es nicht getan”. Ah, aber sie sagt: “Ich bin nicht wegen dieser Überprüfung hier. Aber wenn ich morgen deshalb kommen würde, hätten Sie Probleme. Aber”, sagt sie, “heute ist das alles gut”. Wir sind in einer Welt angekommen… Vor einem Jahr hatten wir unsere Sprühkontrolle, die nicht durchgeführt wurde. Wir haben eine Geldstrafe bekommen. Mein Mann war zur Polizei gegangen. Die lachten. Aber für uns ist es als hätten wir jemanden bestohlen oder geschlagen.

Ehemann: Am Ende bekamen wir 3.000 Euro Strafe für ein Sprühgerät das nicht überprüft worden war, und es wurde überprüft und entsprach den Normen.

Claire: Wir müssen uns immer rechtfertigen. Wenn die L214 (französische Tierschutzorganisation) kommt und sagt: “Ah ja, aber warten Sie, Sie haben viele Kühe, also können Sie die nicht gut behandeln”. Das ist nicht wahr. Nun, wir sehen das nicht so. Wir bringen eine Kuh zum Schlachthof. Das ist nicht aus Herzensgüte. Es ist, weil es so ist. Und ich möchte niemals erleben wie eine Kuh in einem Schlachthof geschlachtet wird. Das kann ich nicht sehen. Ich glaube, wir sind alle so. Wir wurden trainiert  zu züchten, aber wenn die Tiere erst einmal auf dem Lastwagen sind, war’s das, es ist vorbei. Wir müssen von etwas leben, und es gibt eine Maschine, die macht… Wenn sie also anfangen, uns bezüglich unserer Arbeit zu pieken, weil wir sie nicht gut machen… Wenn wir Pflanzenbehandlungsprodukte benutzen, dann deshalb, weil wir es müssen, aber wir machen nicht… Ich möchte mit einfachen Worten erklären, dass wir… Wir versuchen, über unseren Beruf als etwas zu sprechen, das keine Last ist. Sehen Sie, ein Tier welches schlecht behandelt wird wird Ihnen nicht geben, was Sie brauchen.

Naomi: Erwarten Sie, dass es besser oder schlechter wird?

Claire: Wir werden mehr und mehr Regulierungen haben, denke ich. Wie bei allem, so wird es auch in jedem Unternehmen sein. Danach werden wir lernen müssen, unseren Beruf zu kommunizieren, zu sprechen, uns nicht von Organisationen wie L214 runtermachen zu lassen. Denn es ist ein Paradoxon, man sagt uns zu unserem Beruf als Landwirte sind: “Ja, es ist eine schöne Arbeit, dies das”. Aber dann wird uns gesagt: “Oh ja, aber Sie verschmutzen die Umwelt”.

Zu meinem Sohn: Als wir seine Klassenlehrerin besuchten, sagte mein Sohn zu ihr: “Ich möchte nach Deutschland fahren, um mir die großen Bauernhöfe anzusehen”, und sie ging sofort hoch und sagte: “Ja, aber nein, aber wir müssen auf Familienbetrieben bleiben, auf Biobetrieben”. Ich sagte: “Aber warten Sie, gnädige Frau, es gibt große Betriebe, die ihre Arbeit richtig machen”. Sie sah, dass ich nicht einverstanden war mit… Wir haben den Punkt fallen lassen, denn darum ging es nicht. Aber ich sage, verdammt, wir kämpfen jeden Tag für ein Qualitätsprodukt. Wir wollen keine Scheiße verkaufen, und außerdem gibt es Richtlinien, die besagen, dass wir keinen Liter Milch mit Antibiotika und so weiter verkaufen. Vor zwei oder drei Jahren haben wir uns mit ökologischer Landwirtschaft befasst. Wir erkannten, dass es nicht möglich ist. Wir haben schon darüber nachgedacht, weil… Mein Mann ist nicht allzu begeistert von Pflanzenbehandlungsprodukten. Er ist der erste… Wenn es ein schmutziges Feld gibt, gehört es vielleicht uns. Aber das Bild ist nicht gut, denn dann kommt ein  Nachbar, der sagt: “Ach, siehst du, er hat seine Arbeit noch nicht gemacht”. Für uns ist es auch eine Frage der Rentabilität, wir schauen auf die Margen und dann gibt es Zeiten, in denen wir lieber nichts tun. Manchmal wissen wir nicht, ob wir richtig oder falsch handeln. Die Leute die Bio machen, bewundere ich, weil es eine Monsterarbeit ist und wir nicht in der Lage sein werden, alle mit Bio-Lebensmitteln zu ernähren. Und die GAP-Prämien, was die Leute auch vergessen zu sagen, ist, dass die GAP-Prämie so gestaltet wurde, dass der Verbraucher am Ende des Tages nicht mehr für Lebensmittel bezahlen muss. Was auch passiert ist, dass der Bauer keine Zeit hat, zu den Treffen zu gehen und all das. Und es gibt viele Großbauern, die Abgeordnete des Europäischen Parlaments sind, aber die sind Getreidehersteller. Sie haben also Zeit zu gehen, also verteidigten sie ihre Höfe. Und ich glaube, wir in der Viehzucht sind ein wenig vergessen worden. Das Problem sind die finanziellen Probleme. Für mich ist das das Schlimmste. Was ich neulich zu meinem Bankier sagte: “Ich bin 45 Jahre alt. Ich möchte von meiner Arbeit leben. Nicht immer sagen zu müssen, warte, das schaffen wir nicht.“ Er sagte: “Das ist lustig, Ihr Mann hat dasselbe gesagt”. Aber das ist doch… Sie arbeiten zehn, zwölf Stunden am Tag und dann können Sie immer noch nicht zahlen – das ist nicht normal.

Von sieben bis neun bin ich bei den Kühen. Das ist das Melken. Ich gebe den Kälbern etwas zu trinken. Dann gehe ich nach Hause, aber ich habe immer noch den Papierkram. Es gibt immer Papierkram zu erledigen. Und dann muss man die Kühe jagen gehen und all das. Ja, das ist immer so. Aber der Papierkram, der ist riesig. Für eine Stunde am Tag bin ich damit beschäftigt.

Naomi: Und Sie kümmern sich darum?

Claire: Ja, die Bank das mache ich. Es gab sogar Momente, an denen ich ihnen nichts mehr zum Bankkonto sagen würde, weil man alles anhäuft und dann kommt nichts mehr heraus, und dann hat man eines Tages den Körper, der nicht mehr will. Jetzt muss es herauskommen, weil… wir versuchen, sie zu schützen, und alles, was wir tun… Es ist die Verwaltung, und dann gibt es eine Menge Melken.

Naomi: Was hält die Zukunft für Bäuerinnen bereit?

Claire: Es wird immer mehr von ihnen geben. Sie werden uns ein wenig mehr Raum geben. Vielleicht hören sie uns ein bisschen mehr zu. Das liegt in der Luft. Man wird uns etwas mehr Raum geben, aber wenn es zur Verantwortung kommt… es gibt immer das Ding mit den Kindern geben. Für mich gibt es diese Sache – was die Verantwortung betrifft, werden es nicht immer junge Leute sein. Das glaube ich nicht. Ich denke, es wird eine Rückkehr auf den Bauernhof geben. Es gibt junge Menschen, die motiviert sind, egal ob es sich um Bio- oder Gemüseanbau handelt. Viele Menschen kehren aufs Land zurück. Das ist nicht immer einfach. Es ist nicht immer die beste Arbeit. Letztlich idealisieren wir auch die landwirtschaftliche Welt. Alles ist schön. Das ist nicht immer so. Camille, sie spricht davon, als sie hier ankam, ohne bäuerlichen Hintergrund. Ich habe immer darin gelebt, also ist es nicht dasselbe. Es ist aber auch gut mit denen die von Außerhalb kommen. Sie haben eine andere Sicht. Wir hatten eine junge Frau, die Landarbeiterin war. Ein kleines Pariser Mädchen, sie zeigte uns, wie man seine Tiere aufzieht, es war toll.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *